Frieda Teil 1

Unser Leben mit Frieda

In meiner fruehesten Erinnerung fand mich Frieda in meinem Babybett meine aus der Windel rollenden Kotkuegelchen an die Waende meines Babybettes schmieren. Ueberaus entsetzt rief sie immer wieder “Aber, aber, was bist Du ein Schweinchen.”

Ich kann mich an keine Zeit erinnern wo Frieda nicht bei uns wohnte. Sie sah schon unsere Mutter aufwachsen. Frieda war die Schwaegerin meines zum zweitenmal verheirateten Grossvaters. Sie wohnte in dessen Familie mit ihrem juengsten Bub da sie nach ihrer Scheidung kein Heim mehr hatte. Auch konnte sie sich nicht leisten eine eigene Wohnung zu mieten. Sie war koerperlich verhindert einen vollen Job zu halten und leichtere Hausarbeit war ungefaehr das Einzige was fuer sie in Frage kam. Ihre Fuesse waren verkrueppelt und ein Bein war etwas laenger wie das andere was wenn sie ging, einen besonderen Klopfton von sich gab. Ich wusste immer in welchem Zimmer Frieda umherging wenn sie ihre Arbeiten machte. Gehen machte ihr Muehe und bereitete ihr Schmerzen und zu wohnen wo sie arbeitete war die einzige Moeglichkeit fuer sie. Nicht dass sie etwa ein Zimmer bei uns hatte. Sie arbeitete bei uns fuers Essen und ein Bett in unserer Stube welches durch den Tag als unser Sofa diente. Das hiess natuerlich dass sie nie ausschlafen konnte und so war sie frueh auf und hantierte in der Kueche herum bevor irgend jemand sodass der Kaffee und die Milch heiss waren und das Brot geschnitten, der Tisch gedeckt. Wie sie das Brot schnitt war herzig. Sie drueckte es nahe an sich heran sodass sie einen guten Halt hatte und schnitt dann dicke Scheiben ab, dicker wie ich sie je sah an andern Orten.
Der Ofen in der Stube musste auch geheizt werden und all das war getan bevor sie uns Kinder weckte. Vater fuhr schon eine ganze Weile davor auf seinem Rad weg da er schon um sieben Uhr anfing zu arbeiten. Mutter schlief meistens noch ausser sie hatte ein frueheres Engagement. Fuers Mittagessen kamen bloss wir Kinder und Vater nach Hause, Mutter war zu dieser Zeit im Zug welchen sie gebrauchte ihre Kunden zu besuchen. Was wir zu Mittag nicht aufassen wurde zum Nachtessen serviert und wenn nichts uebrig blieb dann gabs statt dessen Brot und Kaffee mit etwas Kaese oder Milchreis oder Griesbrei.

Wie Frieda in unser Leben kam ging so:

Als Grossvater und seine neue Frau ein Kind nach dem andern in die Welt setzten wurde Frieda einmal schwer krank. Sie entwickelte ein Magengeschwuer welches sich durch ihren Magen durchfrass. Bei der Operation musste so viel von ihrem Magen weggeschnitten werden dass man diesen Teil mit einem Ziegenmagen auswechseln musste. Wir lachten ueber Frieda deswegen jahrelang wenn sie dann in Ekstase mit grossen, traeumerischen Augen ihren heiss geliebten Salat ass. Sie nahm es schmunzelnd und gutmuetig hin, lachte oft selber deswegen. Frieda, Friedali, ich vermiesse dies und ich vermisse Dich.

Die Operation liess sie sehr schwach und sie konnte nicht arbeiten fuer die Schwester wie die es gewohnt war. Die konnte oder wollte Frieda nicht gesund pflegen und eines Tages klagte Frieda diesen Jammer zu Mutter und bat sie um Hilfe. Meine Eltern holten sie in unsere Wohnung und pflegten sie bis sie ihre Kraefte wieder erhielt und so kam es dass Frieda fuer immer bei uns blieb.

Sie wurde dann unsere Haushaelterin, Nanny, Waesch- und Bueglerin, Flickerin, Strickerin, Putzfrau und Hauptkoechin. Mutter kochte das Sonntagessen. Fuer uns Kinder war Frieda Familie, war sie doch jeden und den ganzen Tag zu Hause und wir Kinder mussten nie von der Schule in ein leeres Heim nach Hause kommen. Frieda konnte eh nirgends hin schon ihrer Fuesse wegen. Wie oft hoerte ich sie seufzen:
“Wenn ich bloss einen einzigen Tag ohne Schmerzen waere”.

Als gesundes Kind ueberraschte mich dieser Ausruf immer wieder und ich versuchte vergebens mir vorzustellen wie es sein wuerde mit taeglichen Schmerzen zu leben. Frieda aber wurde geboren mit verdrehten Fuesschen. Ihre Eltern waren arm und konnten sich eine detaillierte Operation nicht leisten und so drehten die Aerzte die Fuesschen einfach herum als die Knoechelchen noch weich genug waren. Diese Pfuscharbeit konnte man an Friedas Fuessen ihr ganzes Leben sehen denn sie waren fast mehr Klumpen mit Zehen als Fuesse. Sie benoetigte deswegen speziell angefertigte hohe Schuhe und der eine mit einem viel dickeren Absatz um ihr Gehen auszugleichen so gut es ging. Frieda trug jedes Paar von diesen Stiefeln fuer Jahre denn sie hatte Angst wieder neue einzulaufen, sie fuerchtete neue Schmerzen vom steifen, harten Leder. Viele Jahre spaeter als die alten anfingen zusammenzufallen wurden fuer Frieda noch ein Paar hier in Kanada angefertigt fuer jene sie sehr viel Geld bezahlte. Es wurde ihr versprochen dass diese ihr keine Schmerzen bereiten wuerden denn dies waren Spezialisten welche ihre Schuhe genau nach ihren Fuessen modellierten. Sie sagten ihr dass sie sie ein paar Stunden im Tag tragen sollte um sich an das Leder zu gewoehnen. Sie trug sie nie mehr nach den ersten zwei- drei Tagen. Sie konnte solche Schmerzen nicht mehr mitmachen.

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